CHISINAU
Republik Moldau
08.09.-07.10.2026
EVROVIZION. CROSSING STORIES AND SPACES ist ein Ausstellungsprojekt des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen und wird in Chisinau in Kooperation mit dem Muzeul Național de Artă al Moldovei und mit Unterstützung der Deutschen Botschaft Chisinau präsentiert.
An der Ausstellung in Chișinău beteiligte Künstler:innen: Nevin Aladağ, Igor Bošnjak, Johanna Diehl, Gery Georgieva, Maria Guțu, Petrit Halilaj, Ivana Ivković, Janine Jembere, Nika Kutateladze, Henrike Naumann, Vladimir Miladinović, Selma Selman, Adnan Softić und Kyriakos Theocharous.
Muzeul Național de Artă al Moldovei
115, 31 August 1989 Street
Chișinău, Republik Moldau
ERÖFFNUNG MIT PERFORMANCE
Di, 08.09.2026, 16:00 Uhr
Performance von Ivana Ivković
FÜHRUNG DURCH DIE AUSSTELLUNG
Mi, 09.09.2026, 14:00 Uhr
Anwesende Künstler:innen: Gery Georgieva, Maria Guțu, Ivana Ivković und Adnan Softić
Anwesende Kuratorinnen: Sabina Klemm und Sanja Kojic Mladenov
Nach Stationen in Bosnien und Herzegowina, Serbien, Griechenland, Zypern, Georgien und Bulgarien kommt EVROVIZION als siebte Station seiner internationalen Tournee nach Chișinău, bevor die Ausstellung ihre Reise in fünf weiteren Städten Europas fortsetzt.
Für die Präsentation in Chișinău wurde die Ausstellung um Arbeiten der moldauischen Fotografin Maria Guțu erweitert. Darüber hinaus wird die Ausstellung durch neu entwickelte Arbeiten von Johanna Diehl und Adnan Softić, die in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partner:innen entstehen, weiter kontextualisiert.
Bei der Eröffnung mit Performances werden die Künstler:innen Gery Georgieva, Maria Guțu, Ivana Ivković und Adnan Softić anwesend sein und gemeinsam mit den Kuratorinnen Sabina Klemm und Sanja Kojić Mladenov** für Gespräche mit dem Publikum zur Verfügung stehen. Am Mittwoch, den 9. September 2026, um 14 Uhr findet außerdem eine Führung mit den teilnehmenden Künstler:innen und Kuratorinnen statt. Eine Finissage mit einer Performance der Künstlerin Selma Selman und einer Buchpräsentation der Künstlerin Johanna Diehl ist in Planung.
Im Rahmen des EVROVIZION-Projekts nahm der in Chișinău ansässige Kulturschaffende und Verleger Maxim Poleacov am internationalen Pickle Bar Residency Mentorship Programme teil, das vom Künstlerkollektiv Slavs and Tatars in Berlin ausgerichtet wird. Während seines zweimonatigen Aufenthalts realisierte er die Veranstaltung Kholodets Publishing House mit einem Künstlergespräch und Workshop. Das Mentorship Programme ist integraler Bestandteil von EVROVIZION und ermöglicht jungen Kulturschaffenden aus jeder Stadt, eigene Projekte zu entwickeln. Maxim Poleacov wurde von Slavs and Tatars und dem ifa als Fellow des Pickle Bar Residency Mentorship Programme 2026 ausgewählt.
Im Anschluss an die Ausstellung in Chișinău wird eine neue Ausgabe des EVROVIZION Magazine veröffentlicht, die das wachsende Archiv der Reise des Projekts weiter ergänzt. Die Publikation entsteht in Zusammenarbeit mit einem lokalen Ko-Editor und dokumentiert die künstlerischen und gesellschaftlichen Impulse, die durch die Ausstellung in der Republik Moldau entstanden sind.
MONUMENT OF DEPENDENCY
Performance von Ivana Ivković
MONUMENT OF DEPENDENCY von Ivana Ivković ist eine neue ortsspezifische Langzeitperformance aus der Reihe der delegierten Performances MONUMENT: NO ONE IS LOST, beauftragt vom ifa – Institut für Auslandsbeziehungen im Rahmen des langfristig angelegten Projekts EVROVIZION. CROSSING STORIES AND SPACES.
Die Performance findet am 8. September 2026 im historischen Dadiani-Gebäude des Nationalmuseums für Kunst der Republik Moldau statt, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Mädchengymnasium errichtet wurde. Das Gebäude verkörpert eine historische Spannung zwischen Bildung und Emanzipation auf der einen sowie Disziplin und gesellschaftlichen Erwartungen auf der anderen Seite.
Diese Geschichte stellt zugleich eine Verbindung zu Ivana Ivkovićs MONUMENT: SAD BOYS OF VARNA (2025) her. Die Performance fand in der Varna City Art Gallery statt, einer ehemaligen Jungenschule aus dem späten 19. Jahrhundert. Beide Orte waren ursprünglich geschlechtsspezifische Bildungsinstitutionen, in denen junge Menschen nicht nur Wissen erwarben, sondern auch auf bestimmte gesellschaftliche Rollen vorbereitet wurden. Während SAD BOYS OF VARNA Männlichkeit, Verletzlichkeit und den Übergang zwischen Jugend und Erwachsensein untersucht, führt MONUMENT OF DEPENDENCY die Auseinandersetzung mit dem männlichen Körper in einem veränderten historischen und institutionellen Kontext weiter: Die männlichen Performer agieren nun in einem Gebäude, das ursprünglich der Bildung und gesellschaftlichen Formung junger Frauen gewidmet war.
Ausgehend von dieser Verschiebung richtet MONUMENT OF DEPENDENCY den Blick auf die Beziehungen und Strukturen von Abhängigkeit und Autonomie in der Gegenwart. Die Performance bewegt sich zwischen geopolitischen, psychologischen, sozialen und technologischen Dimensionen und betrachtet unsere Abhängigkeit von Staaten, Ökonomien, Institutionen, Infrastrukturen, Technologien, Netzwerken, Algorithmen und anderen Menschen – und zunehmend von Systemen, die unseren Alltag organisieren, unsere Entscheidungen vorwegnehmen und beeinflussen, was wir sehen, wollen und erinnern.
Was bedeutet Autonomie innerhalb von Systemen, von denen wir zugleich abhängig sind? Diesen oftmals unsichtbaren Strukturen setzt die Performance den physischen männlichen Körper entgegen. Durch Dauer, Nähe, Berührung, Anstrengung, Gewicht, Verletzlichkeit und gegenseitige Unterstützung bilden die Performer temporäre körperliche Konstellationen, die nur durch ihre Beziehungen zueinander bestehen können. Abhängigkeit wird greifbar: als etwas, das getragen, ausgehandelt und geteilt, aber auch verweigert und überwunden werden kann.
Das Monument, traditionell als Symbol von Dauerhaftigkeit, Autorität und Unabhängigkeit verstanden, wird in sein Gegenteil verkehrt: in eine fragile Struktur, die ohne Unterstützung nicht existieren kann, sondern nur durch ihre Beziehung zu anderen Körpern besteht. MONUMENT OF DEPENDENCY fragt danach, was Autonomie bedeuten kann, wenn jeder Körper – und jede Gesellschaft – durch Beziehungen der Abhängigkeit existiert.
Das Land der Kinder
Chisinau (Chișinău, Kischinau, Кишинэу, Kischinjow, Кишинёв, Kişinöv, קעשענעװ), die siebte Station des Projektes EVROVIZION, ist die Hauptstadt der Republik Moldau –umgangssprachlich auch Moldawien genannt – und ehemalige Hauptstadt der historischen Landschaft Bessarabien. In dem 2015 erschienenen Roman Der erste Horizont meines Lebens beschreibt die gebürtige Moldawierin Liliana Corobca ihre Heimat als Land der Kinder, da aufgrund hoher Migrationsströmungen ein großer Teil der Bevölkerung im Ausland arbeitet und sowohl Kinder als auch ältere Menschen zurückbleiben.
Chisinau gehörte im 16. Jahrhundert zum Osmanischen Reich und wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts Teil des Russischen Reichs. Insbesondere die wechselnde Zugehörigkeit zu Rumänien und der Sowjetunion im 20. Jahrhundert ist bis heute prägend. Sowohl Kischinau als auch die Republik Moldau war und ist immer wieder Schauplatz ethnischer Konflikte wie des Judenpogroms um 1900, der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg, der Abspaltung einer russischen und ukrainischen Bevölkerungsgruppe durch das De-facto-Regime Transnistrien im Osten sowie der Abspaltung einer turksprachigen Volksgruppe durch die Errichtung des autonomen Gebietes Gagausien im Südwesten des Landes. Vielfältige ethnische Einflüsse kennzeichnen jedoch nach wie vor das architektonische Stadtbild und das kulturelle, soziale und religiöse Leben in Kischinau.